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Was ist Rechtsextremismus?

Die Frage ?Was ist Rechtsextremismus?? lässt sich auf unterschiedlichen Ebenen beantworten, weil der Begriff unterschiedlich definiert ist.

Wir beschäftigen uns hier nicht mit der politischen Ebene, sondern gucken danach, wie sich rechtsextreme Denk- und Verhaltensweisen festlegen und beschreiben lassen.

Zu diesem Thema hat vor allem der der Bielefelder Konflikt- und Gewaltforscher Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer sehr viel geforscht und hilfreiche Definitionen entwickelt.

 

 

Nach Heitmeyer ist der Rechtsextremismus ein Zusammenwirken von „Ideologien von Ungleichwertigkeit“ + „Gewaltakzeptanz“ (kurz: RE = IdU + GA).

 Was bedeutet das?

Heitmeyer geht in seinen Überlegungen davon aus, dass Menschen (außer vor dem Gesetz) nicht gleich sind. Das stellt ihr auch spätestens dann fest, wenn ihr auf die Straße geht und euch die anderen Menschen anschaut. Da findet sich niemand, der genauso aussieht oder so ist wie ihr selbst. Das ist auch gut so.
Aber nur weil Menschen nicht gleich sind, heißt das nicht, dass sie ungleichwertig sind. Genau das denken aber Rechtsextremisten und sie haben mittlerweile geschickte Argumentationen entwickelt, die ihre „Ungleichwertigkeitsideologie“ nicht auf Anhieb erkennen lassen.

Die „Ungleichwertigkeitsideologie“ nutzen vor allem rechtsextreme Jugendliche, um ihre Gewalttaten gegenüber anderen Menschen zu rechtfertigen. Die Logik lautet nicht selten: „Jemand, der weniger Wert ist als ich, und der mir angeblich auch noch etwas Böses will, den darf ich abwertend behandeln!“
Abwertende Haltungen gegenüber bestimmten Menschengruppen nennt Wilhelm Heitmeyer „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“. Sie lassen sich in den folgenden neun Punkten zusammenfassen:

01)

Rassismus umfasst jene Einstellungen und Verhaltensweisen, die die Abwertung von Gruppenangehörigen fremder Herkunft auf der Basis konstruierter "natürlicher" Höherwertigkeit der Eigengruppe vornehmen. Es ist der Versuch, eine Dominanz gegenüber Gruppen auszuüben, die u.a. auch an biologischen Unterschieden festgemacht werden.

02)

Fremdenfeindlichkeit ist in diesem Konzept auf kulturelle und materielle Aspekte bezogen. Die Abwehr von Gruppenangehörigen fremder ethnischer Herkunft ist zum einen auf (vermutete) Konkurrenz um (knappe) Ressourcen von Positionen, Plätzen etc. und zweitens auf die Etikettierung von "kultureller" Rückständigkeit ausgerichtet.

03)

Antisemitismus richtet sich auf die Abwertung von Menschen jüdischen Glaubens und Herkunft sowie ihrer kulturellen Symbole. Eine auf Stereotypen basierende Diskriminierungsbereitschaft und - als sekundärer Antisemitismus - der Vorwurf des Ausnutzens des Holocaust bilden die zentralen Elemente. Er thematisiert vor allem bedrohende "Verschwörungen" und "Ausbeutungen", die es abzuwehren gilt.

04)

Homophobie bezeichnet feindselige Einstellungen gegenüber Homosexuellen aufgrund eines „normabweichenden“ sexuellen Verhaltens und damit verbundenen Auftretens in der Öffentlichkeit.

05)

Abwertung von Behinderten meint feindselige Einstellungen, die sich gegen die „Normalitätsabweichung“ und den daraus angeblich abgeleiteten Unterstützungsforderungen ergeben.

06)

Abwertung von Obdachlosen zielt in feindseliger Absicht auf jene Menschen, die Normalitätsvorstellungen eines geregelten Lebens nicht nachkommen.

07)

Etabliertenvorrechte umfassen die von Alteingesessenen beanspruchte raum-zeitliche Vorrang- und Vormachtsstellung gegenüber "Neuen", "Zugezogenen" und solchen, die sich noch nicht angepasst haben. Heute sind Positionen sichtbar, die die Aufkündigung gleicher Rechte beinhalten, ganz gleich ob es sich um Aussiedler, neue oder zahlenmäßig kleine Minderheiten oder (anerkannte) Flüchtlinge handelt.

08)

Islamophobie bezeichnet die Bedrohungsgefühle und die ablehnenden Einstellungen gegenüber der Gruppe der Muslime, ihrer Kultur und ihren öffentlich-politischen wie religiösen Aktivitäten.


09)

Sexismus betont Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Sinne einer Demonstration der Überlegenheit des Mannes und fixierter Rollenzuweisung an Frauen. Sexismus ist von den anderen Elementen des Konzepts insofern zu unterscheiden, als es sich nicht um Abwertungs- und Abwehrhaltungen gegen eine Minderheit handelt. Insofern kommt dem Sexismus eine Sonderrolle zu. Er wurde aufgenommen, weil er ideologische Aspekte von Ungleichwertigkeit enthält.

(Quelle: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): "Deutsche Zustände" Band 4, Frankfurt am Main 2006)

Die Gewaltakzeptanz[1] beinhaltet ganz konkret folgende Punkte:

  • Überzeugung unabänderlicher Gewalt ("Gewalt gehört immer dazu")
  • Billigung fremdausgeübter privater bzw. repressiver staatlicher Gewalt
  • eigene Gewaltbereitschaft
  • tatsächliche Gewalttätigkeit
  • Ablehnung rationaler Diskurse
  • Betonung des alltäglichen Kampfes ums Dasein
  • Ablehnung demokratischer Regelungsformen von sozialen und politischen Konflikten
  • Betonung autoritärer und militaristischer Umgangsformen und Stile

Literatur:

Horst Pötzsch

„Die deutsche Demokratie“

Bonn 2004

Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.)

„Deutsche Zustände“ Band 1-4

2002-2006 Frankfurt am Main

 

 

 



[1] Übernommen aus Wilhelm Heitmeyer u.a., „Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie“, München 1992, S. 14


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