Hintergründe und Ursachen rechtsextremer Orientierungen
?Rechtsextrem ist ein Mensch weder von Geburt an, noch ist rechtsextrem zu sein eine Krankheit. Rechtsextreme Orientierungen sind auch nicht ethnisch oder kulturell bedingt.
Rechtsextrem zu werden ist eine bewusste Entscheidung eines Menschen. Der Weg in rechtsextreme Szenen verläuft prozesshaft?[1].
Warum entscheidet sich ein Mensch dazu, sich rechtsextrem zu orientieren?
Diese Frage endgültig zu beantworten ist, trotz umfangreicher Forschungsarbeit, bisher nicht möglich.
Die bisherigen Forschungsergebnisse geben aber Hinweise darauf, warum sich (junge) Menschen rechtsextrem orientieren.
Der Bielefelder Konflikt- und Gewaltforscher Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer hat in seinen Untersuchungen feststellen können, dass gesellschaftliche Desintegrationserfahrungen sowie die Angst vor gesellschaftlicher Desintegration wesentliche Katalysatoren für die Herausbildung von rechtsextremen und menschenfeindlichen Orientierungen sind.
Im Umkehrschluss bedeutet das, dass gesellschaftliche Integrationserfahrungen der Hinwendung zu rechtsextremen und menschenfeindlichen Orientierungen entgegenwirken.
Integration misst Heitmeyer anhand der Chancen auf Zugehörigkeit, Teilhabe und Anerkennung in drei wichtigen Sozialisationsbereichen von (jungen) Menschen. Der erste Bereich umfasst Schule, Ausbildung und Beruf, der zweite meint Vereine, Gewerkschaften, Kirchengemeinden und zum dritten Bereich gehören die Familie und der Freundeskreis.
An einem Beispiel verdeutlicht kann das Folgendes bedeuten:
Max ist 17 Jahre alt und auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz, aber trotz zahlreicher Bewerbungen findet er keine Ausbildungsstelle. Darüber ist Max enttäuscht und frustriert, weil er im Moment keine Chance auf einen Arbeitsplatz bekommt und sein Können nicht unter Beweis stellen kann. Ihm fehlt die Anerkennung über die Arbeit (Ausbildung). Reicht das alleine schon aus, damit Max Hass auf andere Menschen entwickelt, die einen Ausbildungsplatz haben, obwohl deren Eltern vielleicht aus einem anderen Land kommen? Nein. Denn Max ist zwar unzufrieden mit seiner Ausbildungssituation, er fühlt sich aber in seinem Fußballverein sehr wohl. Im Training und im Spiel kann er zeigen, was er kann und seine Leistungen werden anerkannt. Auch wenn er mal auf der Auswechselbank sitzt, hat Max das Gefühl, „hier werde ich gebraucht!“.
Außerdem findet Max Unterstützung und Rückhalt in seiner Familie. Die Eltern unterstützen ihn so gut es eben geht mit etwas Taschengeld, damit Max am Wochenende wie seine Freunde auch mal ins Kino oder die Disco gehen kann. Außerdem zeigen seine Eltern ihm, dass sie ihn lieb haben und stolz auf ihren Sohn sind, auch wenn er im Moment keine Ausbildungsstelle findet – sich aber intensiv darum bemüht.
Gemeinsam mit Max überlegen sie, wie es in der Zukunft weitergehen kann. Und auch für seine Freundin ist Max ein toller Freund auch ohne Ausbildungsplatz. Sie schätzt es, dass Max nicht aufgibt und sich weiter verantwortungsvoll um seine Zukunft kümmert. Und wenn Max mal einen Durchhänger hat, dann hilft sie ihm sich wieder aufzurichten.
Wenn Max eine Bilanz aus den drei genannten Sozialisationsbereichen zieht, dann bleibt unterm Strich eine „positive Anerkennungsbilanz“, denn der schlechten Ausbildungssituation stehen die positiven Erfahrungen im Sportverein, in der Familie und mit seiner Freundin gegenüber.
In anderen Fällen läuft es nicht so gut wie bei Max und zu negativen Erlebnissen bei der Arbeit kommen Stress mit der Familie und gute Freunde gibt es auch nicht. Dann kann „die Reise“ auch in eine andere Richtung gehen und die Betroffenen suchen in anderen Bereichen nach Anerkennung. Diese hoffen viele in der rechtsextremen Szene zu finden und werden nach anfänglicher Euphorie nach einiger Zeit bitter enttäuscht.
Es gibt auch Fälle, in denen Menschen einen sicheren Arbeitsplatz haben, aber in der Familie, im Freundeskreis oder anderswo nicht die Anerkennung bekommen, die sie sich neben der Anerkennung im Beruf wünschen. Menschliche Nähe und Geborgenheit lassen sich beispielsweise nicht durch die Arbeit erreichen.
Auch hier begeben sich einige Menschen auf der Suche nach „Thrill und Geborgenheit“ in die rechtsextreme Szene.
Integration spielt auch in der Schule eine wichtige Rolle. Dabei kann es schon eine Menge helfen, wenn einzelne SchülerInnen in der Klasse nicht zu Außenseitern gemacht werden oder immer wieder „gemobbt“ werden. Mobbing bedeutet auch Abwertung!
Literatur/Material:
Carsten Wippermann, Astrid Zarcos-Lamolda, Franz Josef Krafeld, „Auf der Suche nach Thrill und Geborgenheit“ Opladen 2002
Kurt Möller,„echte Glatzen“ Wiesbaden 2006 (im Erscheinen)
Film:
Mirko Borscht
„Kombat Sechzehn“ (FSK 16)
Credo Film 2005
[1] Übernommen aus „Handlungsfähig bleiben – handlungsfähig werden. Rechtliche Grundlagen und Handlungsempfehlungen für Eltern rechtsextremer Jugendlicher“ von Cornelius Peltz, Braunschweig 2006 (im Erscheinen).


